Additive Fertigung als europäische Verteidigungsfähigkeit

Wenn Zusammenarbeit zur strategischen Ressource wird: Auf dem Luftwaffenstützpunkt der spanischen Luftwaffe in Albacete wird Additive Fertigung nicht diskutiert, sondern angewendet und erprobt. In sicherheits- und verteidigungspolitischen Kontexten entwickelt sie sich zunehmend zu einem strategischen Faktor – überall dort, wo Verfügbarkeit, Resilienz, Reparaturfähigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit über Einsatzfähigkeit entscheiden. Genau an dieser Schnittstelle positioniert sich das AM-Village der European Defence Agency (EDA): als bewusst anders gedachtes Format, das den Arbeitscharakter über die Repräsentation stellt.

Das AM-Village adressiert unterschiedlichste Aspekte, wie Additive Fertigung Streitkräfte unterstützen kann. Die mobile Reparaturlösung von Titomic ist nur ein Beispiel dafür.

Das AM-Village adressiert unterschiedlichste Aspekte, wie Additive Fertigung Streitkräfte unterstützen kann. Die mobile Reparaturlösung von Titomic ist nur ein Beispiel dafür.

Das AM-Village ist keine Messe, keine Konferenz und keine Verkaufsveranstaltung. Es ist ein Denk- und Arbeitsraum, der europäische Militärvertreter, Akteure der Additiven Fertigung sowie Unternehmen der Rüstungsindustrie gezielt zusammenbringt. Ziel ist es, greifbar zu machen, wie sich additive Technologien operativ, nachhaltig und europäisch koordiniert für militärische Anwendungen nutzen lassen – im aktuellen Fähigkeitsaufbau ebenso wie präventiv mit Blick auf künftige Szenarien. Wer hierher kommt, soll nicht „sehen, was es gibt“, sondern gemeinsam klären, was es braucht: technisch, organisatorisch und regulatorisch.

Gedruckte Ersatzteile (hier der Kühlwasserbehälter) sind ein Anwendungsszenario, in dem Additive Fertigung im militärischen Umfeld nutzbringend sein kann.

Gedruckte Ersatzteile (hier der Kühlwasserbehälter) sind ein Anwendungsszenario, in dem Additive Fertigung im militärischen Umfeld nutzbringend sein kann.

Ein Format jenseits klassischer Branchenlogiken

In einer Zeit, in der Verteidigungsveranstaltungen oft von Produktpräsentationen, Schlagwörtern und Marketingbotschaften geprägt sind, setzt das AM-Village einen bewussten Kontrapunkt. Der Fokus liegt auf Zusammenarbeit statt Wettbewerb, auf moderierten Arbeitsphasen statt Pitches und auf belastbaren Lösungen statt Buzzwords. Das ist mehr als eine stilistische Entscheidung: Es ist die Voraussetzung, um Vertrauen aufzubauen und einen offenen Austausch über reale Hürden zu ermöglichen – etwa über Zertifizierung, Datenhoheit, Qualitätsnachweise oder die Frage, wie additive Prozessketten in militärische Instandhaltung integriert werden können und welche Anwendungsbereiche überhaupt sinnvoll sind.

Organisiert wird das AM-Village von Martin Huber, Project Officer Logistics & Additive Manufacturing bei der European Defence Agency und Oberstleutnant der deutschen Luftwaffe. Dass das Format straff geführt ist, gehört zum Konzept: klare Arbeitsziele, definierte Ergebnisse, Zeitdisziplin. Gleichzeitig schafft die EDA einen geschützten Rahmen, in dem nicht das einzelne Produkt, sondern das Zusammenspiel aus Bedarf, Prozess und Fähigkeit im Mittelpunkt steht. Die Rolle der EDA ist dabei die eines europäischen Enablers: Sie bringt Akteure zusammen, strukturiert die Arbeit und hilft, aus Einzelinteressen gemeinsame europäische Linien zu entwickeln.

Das Thema Drohnen wird auf dem AM-Village 2026 zum Wochenprojekt.

Das Thema Drohnen wird auf dem AM-Village 2026 zum Wochenprojekt.

Additive Fertigung als logistischer Hebel

Im militärischen Kontext ist Additive Fertigung weit mehr als eine alternative Herstellmethode. Sie berührt zentrale Fragen der logistischen Autonomie, der Ersatzteilverfügbarkeit und der Instandhaltung komplexer Systeme. Gerade dort, wo Lieferketten verwundbar sind, wo Obsoleszenz Ersatzteilbeschaffung erschwert oder wo Zeitfenster im Einsatz knapp sind, kann AM ein Enabler zum Schließen von Fähigkeitsdefiziten sein. Doch zwischen „kann“ und „sein“ liegt eine Lücke, die nur mit qualifizierten Prozessen und Personal, Standards und belastbaren Datenketten geschlossen werden kann.

Das AM-Village setzt genau hier an: Es geht nicht um die nächste Designstudie, sondern um reale Einsatz- und Instandhaltungsszenarien. Diskutiert werden Fragen wie: Welche Teile eignen sich tatsächlich? Welche Materialien sind in welchem Umfeld robust? Wie wird die Prozessqualität nachgewiesen? Wer trägt Verantwortung in der Kette vom digitalen Modell bis zum eingebauten Teil? Und wie lassen sich Lösungen so gestalten, dass sie in verschiedenen Streitkräften interoperabel genutzt werden können?

Kooperation und Austausch der Beteiligten bilden die Grundlage, damit Industrie und Militär einander verstehen lernen.

Kooperation und Austausch der Beteiligten bilden die Grundlage, damit Industrie und Militär einander verstehen lernen.

Konsortien statt Einzelkämpfer

Ein zentrales Merkmal des Programms ist die konsequente Konsortiallogik. Unternehmen schließen sich entlang konkreter Aufgabenstellungen zusammen, um Lösungen zu erarbeiten, die ein einzelner Akteur allein nicht abdecken könnte. Das ist ein europäisches Prinzip in Reinform: Fähigkeiten bündeln, Abhängigkeiten reduzieren, Schnittstellen definieren. Genau diese Herangehensweise ist im Verteidigungsbereich entscheidend, weil Wertschöpfungsketten selten monolithisch sind und weil Anforderungen an Sicherheit, Nachweisführung und Betrieb nur im Verbund tragfähig werden.

Für die Branche ist das eine interessante Umkehr: Nicht der Wettbewerb um die beste Einzelantwort steht im Vordergrund, sondern die gemeinsame Antwort auf ein militärisches Problem. Und für militärische Bedarfsträger ist es die Chance, Anforderungen frühzeitig einzubringen und die Machbarkeit direkt mit denjenigen zu verproben, die später liefern und integrieren müssen. So entsteht ein Arbeitsmodus, der über das Event hinaus Wirkung entfalten kann.

Machbarkeit und Umsetzbarkeit stehen im Vordergrund beim AM-Village. Praktische Lösungen sind gefragt.

Machbarkeit und Umsetzbarkeit stehen im Vordergrund beim AM-Village. Praktische Lösungen sind gefragt.

Ein greifbarer Use Case: flugfähige Drohnen in einer Woche

Wie ernst es den Organisatoren mit dem Arbeitscharakter ist, zeigt neben vielen anderen Anwendungsbereichen eine besondere zentrale Vorgabe des AM-Village: Innerhalb einer Woche sollen flugfähige Drohnen konzipiert, gefertigt und getestet werden – mit dem klaren Ziel, dass sie am Ende der Woche tatsächlich abheben. Das ist ein bewusst gesetzter Stresstest. Denn wer in fünf Tagen von der Idee zum fliegenden System kommen will, muss iterieren können, Entscheidungen beschleunigen und Prozessketten unter Zeitdruck stabil halten. Der Ort Albacete macht diese Ambition glaubwürdig. Auf dem Luftwaffenstützpunkt zählt am Ende nicht, ob eine Präsentation gut aussieht, sondern ob ein Bauteil passt, ob eine Schnittstelle funktioniert, ob Sicherheit und Dokumentation stimmen – und ob das System fliegt. Das Drohnenprojekt zwingt alle Beteiligten, Konstruktion, Materialwahl, Fertigung, Nachbearbeitung, Montage und Funktionsprüfung, als zusammenhängende Kette zu denken. Genau daraus entsteht Erkenntnisgewinn: Wo sind die Engpässe? Welche Standards fehlen? Welche Daten müssen zwingend mitgeführt werden? Und wie lässt sich Reproduzierbarkeit herstellen, wenn nicht ein Labor, sondern ein militärisches Umfeld die Spielregeln bestimmt?

Auch außergewöhnliche Themen, wie Betondruck, zeigen, wie vielfältig Additive Fertigung wirksam werden kann. Beispiel: Schutzbauwerke.

Auch außergewöhnliche Themen, wie Betondruck, zeigen, wie vielfältig Additive Fertigung wirksam werden kann. Beispiel: Schutzbauwerke.

Technologie im Zusammenspiel und mit Bezug zur Praxis

Gerade an diesem Use Case wird sichtbar, wie sich industrielle Kompetenzen ergänzen. Metall-AM-Systemanbieter wie EOS oder Nikon SLM Solutions stehen für robuste Fertigungsoptionen, wenn Struktur- und Verbindungselemente in den Lastpfad gehen oder wenn Funktionsintegration in Metall gefragt ist. One Click Metal adressiert kompaktere Metallbauteile und schnelle Iterationen – interessant überall dort, wo militärische Instandhaltung oder Entwicklungseinheiten kurze Wege und klare Prozessführung benötigen.

Im polymeren Bereich bringen Stratasys, Ultimaker und BigRep unterschiedliche Stärken ein: von schnell verfügbaren Funktions- und Ersatzteilen über Gehäuse, Halterungen und aerodynamische Komponenten bis hin zu großformatigen Strukturen. Gerade bei Drohnen sind Gewicht, Steifigkeit und Bauraum entscheidend – und damit die Frage, welches Verfahren und welches Material in welcher Phase der Entwicklung den größten Nutzen stiftet. Ergänzt wird dies durch spezialisierte Ansätze von Liqtra und Fiberthree, etwa im Bereich mobiler Fertigung, digitaler Prozessketten und faserverstärkter Materialien. Entscheidend ist nicht die Einzelleistung, sondern das orchestrierte Zusammenspiel und die Fähigkeit, Ergebnisse so zu dokumentieren, dass sie militärisch nachvollziehbar und übertragbar werden.

Militär und Industrie im Schulterschluss

Das AM-Village lebt vom direkten Dialog. Militärische Anwender bringen ihre operativen Perspektiven ein und benennen konkrete Herausforderungen und Erwartungshaltungen. Die Industrie kann ihre technologischen Ansätze, Erfahrungen und Entwicklungsstände einordnen – nicht als Pitch, sondern im Diskurs. Dieser Schulterschluss ist essenziell, um realistische Roadmaps zu entwickeln. Additive Fertigung entfaltet ihren Mehrwert nur dann, wenn militärische Prozesse, regulatorische Rahmenbedingungen und industrielle Produktionslogiken zusammengedacht werden.

Das gilt besonders für sensible Punkte wie Zulassung, Qualitätssicherung und Datensicherheit. Militärische Nutzung verlangt belastbare Nachweise: Prozessparameter, Materialchargen, Prüfberichte, Traceability. Gleichzeitig dürfen Lösungen nicht so komplex werden, dass sie im Feld oder in dezentralen Instandhaltungsstrukturen nicht mehr beherrschbar sind. Das AM-Village schafft einen Raum, in dem diese Spannungen offen adressiert werden können und in dem gemeinsame Mindestanforderungen Gestalt annehmen.

Vom Preparation Meeting zur Umsetzung

Die Qualität eines Arbeitsformats zeigt sich selten auf der Bühne, sondern in der Vorbereitung. Dass das AM‑Village so klar zugeschnitten ist, ist Ergebnis intensiver Vorarbeit. Insbesondere das zweite Preparation Meeting in Madrid hat das Programm entscheidend geprägt: nicht als Sammeln von Themen, sondern als konsequentes Festlegen von Use Cases, Arbeitslogik und erwarteten Outputs. Besondere Anerkennung geht dabei an Martin Huber: Er hat den Prozess straff, kompetent und mit klarer militärischer Perspektive geführt, eine Kombination aus organisatorischer Disziplin und fachlicher Offenheit, die für solche Vorhaben entscheidend ist. Genau diese Führung schafft den Rahmen, in dem Industrie und Militär gemeinsam arbeiten können, ohne in die Muster klassischer Veranstaltungen zurückzufallen.

Dass dieses Konzept tragbar ist und funktioniert, ist außerdem ein Verdienst der sogenannten Host Nation, im Jahr 2026 die Spanische Luftwaffe. Ihr ist es zu verdanken, den Raum und alle notwendingen Dinge für eine erfolgreiche Durchführung bereitzustellen.

Technischer Tiefgang mit strategischer Perspektive

Materialien, Verfahren, Qualifizierung, digitale Datenketten, Cybersecurity und Zertifizierung sind feste Bestandteile der Diskussionen. Gleichzeitig wird der Blick bewusst geweitet: Welche Rolle kann Additive Fertigung für die Resilienz europäischer Streitkräfte spielen? Wie lassen sich AM‑Fähigkeiten skalieren, ohne neue Abhängigkeiten zu schaffen? Und wie kann Europa Standards entwickeln, die Interoperabilität fördern, ohne Innovation abzuwürgen? Die Kombination aus Expert Briefings, Workshop‑Sessions und praktischer Umsetzung schafft eine Arbeitsatmosphäre, die Tiefe und strategische Einordnung verbindet. Der Mehrwert entsteht dabei nicht durch eine einzelne Erkenntnis, sondern durch das gemeinsame Bild: Additive Fertigung ist keine Insellösung, sondern ein Baustein, der nur im System wirkt – in Logistik, Instandhaltung, Daten- und Sicherheitsarchitektur.

These und Forderung

Das AM‑Village macht deutlich, dass Europas Verteidigungsfähigkeit nicht allein durch neue Plattformen und Waffensysteme wächst, sondern durch die Fähigkeit, diese Systeme im Ernstfall zu warten, anzupassen und weiterzuentwickeln. Additive Fertigung kann dazu einen relevanten Beitrag leisten, wenn sie als Fähigkeit verstanden wird, nicht als Technologie-Demonstrator. Die Forderung ist daher klar: Additive Fertigung muss als europäische Schlüsselkompetenz strategisch verankert werden – mit gemeinsamen Standards, interoperablen Prozessketten, klarer Datenhoheit und dauerhaft etablierten Kooperationsformaten wie dem AM‑Village. Nicht als Ausnahmeprojekt für den nächsten Krisenfall, sondern als Teil einer resilienten europäischen Verteidigungsarchitektur. Wer heute in die Zusammenarbeit investiert, sichert morgen Verfügbarkeit.

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