interview

Verteidigung europäisch denken

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine hat das Thema Defence in Europa wieder stark an Bedeutung gewonnen. Was lange verpönt war, ist wieder salonfähig und zahlreiche Unternehmen möchten sich einen Teil des Kuchens sichern, der durch die Bereitstellung staatlicher Mittel auf dem Tisch steht. Auch auf europäischer Ebene findet das Thema Additive Fertigung in der Verteidigung Berücksichtigung. Martin Huber, Projektoffizier Logistik und Additive Fertigung, ist dafür verantwortlich und ein Befürworter der Additiven Fertigung. Er sieht sich selbst als AM-Lover, mahnt aber auch gleichzeitig, das Thema sensibel zu behandeln und vor allem grundlegende Regeln im Umgang mit militärischen Beschaffungsstellen einzuhalten.

OTL Martin Huber
Projektoffizier Logistik und Additive Fertigung, European Defence Agency

„Ich beobachte, dass man auf der verteidigungspolitischen Ebene mehr und mehr zu der Erkenntnis kommt, dass Additive Fertigung eine Schlüsseltechnologie ist, die Europa einen hohen Grad an verteidigungstechnologischer Autonomie sichern kann. “

Herr Oberstleutnant Huber, die European Defence Agency hat das Thema Additive Fertigung, nicht zuletzt durch Ihr Zutun als Enabler, für manche Aufgabenstellungen im Defence-Bereich definiert. Was fasziniert Sie an der Technologie?

Bevor ich zur Bundeswehr gekommen bin und Maschinenbau studiert habe, habe ich als gelernter Werkzeugmacher und staatlich geprüfter Maschinenbautechniker bei Siemens in München zuerst im Bereich Werkzeugbau und Feinmechanik und später im Bereich Arbeits- und Fertigungsplanung und Konstruktion gearbeitet. Als ich 2019 auf einer Dienstreise in den Niederlanden das erste Mal einen 3D-Drucker in Aktion gesehen habe, ist mir sofort bewusst geworden, welches Potential diese Fertigungstechnologie in sich birgt. Das gilt grundsätzlich für alle industriellen Anwendungen, aber im Besonderen für spezifische militärische Anwendungsfälle. Während Corona habe ich mir einen Drucker für den Hausgebrauch gekauft und damit vieles konstruiert und gedruckt. Meine Faszination für Additive Fertigung rührt aus der Tatsache, dass grundsätzlich bei richtigem 3D-Druck-optimierten Design, diese Technologie die Fertigungsprozesskette immens verkürzen und so beachtliche Einsparungseffekte in allen Dimensionen erzielen kann.

Die Bedeutung des AM Village wurde durch den Besuch der belgischen Verteidigungsministerin Ludivine Dedonder unterstrichen.

Die Bedeutung des AM Village wurde durch den Besuch der belgischen Verteidigungsministerin Ludivine Dedonder unterstrichen.

Welche strategische Bedeutung hat Ihrer Meinung nach Additive Fertigung im Defence-Bereich?

Wir müssen hier klar unterscheiden. Defence ist nicht nur oder ausschließlich das Militär. Defence beinhaltet auch die Industrie, welche ihre Produkte an das Militär als „Kunde“ oder „Nutzer“ verkauft. Als Militär liegt unser Interesse deutlich auf der Verfügbar- und Einsatzfähigkeit der Ausrüstung. Die klassische logistische Versorgungskette für militärische Geräte ist in Friedenszeiten ein „eingeschwungenes System“, welches durchaus seine Schwierigkeiten hat. Zum Beispiel, wenn Hersteller (OEM) aus welchen Gründen auch immer ihre Produktion einstellen oder eine geringe Abnahmemenge die Kostenspirale nach oben dreht und damit die ohnehin schon hohen Betriebs- und operativen Kosten von militärischen Geräten an die zu vertretenden Schmerzgrenzen des öffentlichen Haushaltes gehen. Aber wie widerstandsfähig ist ein solches logistisches System in Krise und Krieg? Hier hat Additive Fertigung aus meiner Sicht mehrere starke Argumente, um es zum einen als alternative sowie auch als neue Fertigungsmethode zu nutzen. Die Hauptstichwörter für mich hierbei sind Mobilität, Produktionszeit, Ressourcenbedarf und Verfügbarkeit und in „Neudeutsch“ Resilience and Redundancy.

Das AM Village 2024 fand im belgischen Tournai statt. Das belgische Militär stellte die Infrastruktur für eine Woche AM-Workshop zur Verfügung.

Das AM Village 2024 fand im belgischen Tournai statt. Das belgische Militär stellte die Infrastruktur für eine Woche AM-Workshop zur Verfügung.

Was sind die wesentlichen Learnings aus dem aktuellen Kriegsgeschehen in der Ukraine in Bezug auf 3D-Druck?

Die Ukraine kämpft unglaublich mutig den Kampf für Freiheit und Demokratie mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln. Erlauben Sie mir, zwei herausstechende Anwendungsfälle für Additive Fertigung zu nennen. Die Ukraine ist gezwungen, die unterschiedlichsten Waffensysteme und Ausrüstung unabhängig von deren Herkunft zu nutzen. Ein beträchtlicher Teil der Ausrüstung ist älter als 25 Jahre und hat ihren Ursprung noch in der Sowjetunion oder der Russischen Föderation, also dem Konfliktgegner. Wir können uns sicherlich alle vorstellen, dass die Versorgung mit Ersatzteilen nahezu unmöglich ist. In dieser extremen Situation kann Additive Fertigung ihre Stärke im Bereich Obsoleszenz-Management ausspielen. Reverse Engineering, Produktion vor Ort und auch die Anwendung von neuen und alternativen Materialien sichern die Verfügbarkeit und die Einsatzfähigkeit von Gerät, welche dringend in diesem Krieg gebraucht werden. Also genau dort, wo die klassische Ersatzteilversorgung nicht mehr intakt oder vorhanden ist.

Der zweite große Anwendungsbereich ist der veränderten Kriegsführung geschuldet. Unmanned Aerial Vehicle (UAV), oder auch umgangssprachlich „Drohnen“, haben das Schlachtfeld verändert. Hier hat sich Additive Fertigung als die Hauptfertigungstechnologie etabliert. Ihre Vorteile im Bereich „Leichtbau“ sind hinlänglich und seit langem bekannt, und deswegen hat Additive Fertigung dort in ihren Anfängen sehr früh Liebhaber und Akzeptanz gefunden. Der operationelle Bedarf und die hohen benötigten Stückzahlen haben sie zu einer akzeptierten Fertigungstechnologie in diesem Bereich werden lassen. Ohne sie geht es nicht mehr, und schon gar nicht, wenn in einem Land produziert wird, welches sich im Krieg befindet.

Ist es aus Ihrer Sicht notwendig, da auf europäischer Ebene mehr und besser zusammenzuarbeiten?

Absolut. Europas Stärke liegt in seiner industriellen Stärke, seiner Innovationskraft und dem europäischen Gedanken, die Dinge gemeinsam zu machen. Wir haben noch eine starke Additive Fertigungsindustrie in Europa, die ohne Frage unter Druck von außen ist. Ich beobachte zu meiner Freude, dass man auf der verteidigungspolitischen Ebene mehr und mehr zu der Erkenntnis kommt, dass Additive Fertigung eine Schlüsseltechnologie ist, die Europa einen hohen Grad an verteidigungstechnologischer Autonomie sichern kann. Wenn wir es schaffen, diese Erkenntnis auch in eine europäische Additive Fertigungsstrategie zu „gießen“, um strukturiert die Einführung dieser Technologie in allen europäischen industriellen Anwendungsbereichen zu erleichtern, dann bin ich optimistisch, dass es uns gelingen wird, uns gegen äußere Einflüsse zu behaupten. Dafür müssen aber alle Beteiligten an einem Strang ziehen und mit gleicher Stimme sprechen, und damit meine ich nicht nur unterschiedliche Interessensvertretungen in diesem Bereich, sondern auch die entsprechenden europäischen Institutionen. Sie dürfen sich sicher sein, dass die Europäische Verteidigungsagentur sich ihrer besonderen Rolle hier bewusst ist und diesbezüglich als Brückenbauer voranschreitet.

Derzeit bemühen sich viele Unternehmen darum, im Defence-Bereich Fuß zu fassen. Worauf müssen diese dabei besonders achten?

Laut den Zahlen, die kursieren, verspricht der Bereich ein ca. 30%iges Wachstumspotenzial – von was auch immer – für Additive Fertigung. Ich will das nicht weiter bewerten. Sicher ist, dass Militärs ein besonderes Interesse an Additiver Fertigung haben, dass es strategische und operationelle Vorteile bringen kann, insbesondere in der Logistik, aber auch bereits in der Designphase von Geräten. Ich hatte anfänglich von einem „eingeschwungenen System“ gesprochen, was die Ersatzteilversorgung anbelangt. Genau hier liegt die Herausforderung für das Militär, aber auch für die 3D-Druck-Industrie, den OEM davon zu überzeugen, dass eine Investition in Additive Fertigungslösungen für alle Beteiligten Vorteile bringt. Wir sind hier noch etwas zögerlich unterwegs, wenngleich ich Bewegung der OEMs hier deutlich wahrnehme, insbesondere aus den skandinavischen Ländern. Unternehmen müssen sich bewusst sein, dass die Streitkräfte erst am Anfang stehen, das Potenzial Additiver Fertigung zu entdecken. Um Forderungen in Richtung OEM zu stellen, müssen diese im Beschaffungsprozess definiert werden und somit auch bereits im Planungsprozess bekannt sein. Letzten Endes muss sich dies dann auch in den entsprechenden militärischen Verfahren und Prozessen widerspiegeln, und das braucht Zeit. Ich kenne viele sehr innovative Unternehmen in diesem Bereich, die exzellente Lösungen anbieten, aber an den langen Beschaffungsprozessen des Militärs verzweifeln. Ich kann ihnen nur raten und sie ermutigen, durchzuhalten und sich intensiv mit dem „Kunden Militär“ zu beschäftigen, denn er ist nicht wie jeder andere Kunde. Die Einführung von Additiven Fertigungslösungen in den militärischen logistischen Prozess wird kommen, es wird aber noch Zeit brauchen. Wie sagen Soldaten so treffend: „Der Mantel des Dienstherrn ist eng, aber er hält lange warm.“

Das heißt, es gibt unterschiedlichste Zugänge, die bedacht werden müssen. Kann man sich da als Zivilist überhaupt zurechtfinden?

Grundsätzlich gibt es in der Beschaffung der „Öffentlichen Hand“ – Streitkräfte gehören zweifelsohne dort eingeordnet – nicht mehr oder weniger „Zugänge“, als es vergleichbare Großkunden auf dem zivilen Markt haben. Der große Unterschied liegt jedoch in der Zeit die benötigt wird, vom Erstkontakt bis zur Vertragsunterzeichnung, und auch von den vertraglichen Rahmenbedingungen, wie sie bei öffentlichen Auftraggebern üblich sind. Im Falle der Additiven Fertigung kommt noch ein besonderer Umstand hinzu. Wie ich bereits gesagt habe, stehen die Streitkräfte erst am Anfang, das Potential von Additiver Fertigung zu „begreifen“ und das spiegelt sich auch in den Beschaffungsprozessen wider. Die Streitkräftebeschaffung hat schlichtweg noch wenig Erfahrung mit der Technologie und somit auch mit der entsprechenden Leistungsbeschreibung und den finanziellen Dimensionen. Hinzu kommt, dass Personal mit Additiver-Fertigungs-Expertise kaum in den Streitkräften vorhanden ist, um bewertend und beratend zu unterstützen. Somit treffen zwei ungleiche Partner aufeinander: der eine mit hohen Erwartungen und der andere mit wenig oder gar keiner Erfahrung, und damit mit einer gesunden Skepsis. Einer Skepsis, die berechtigt ist, denn immerhin geht es bei solchen Vertragsabschlüssen um unser aller Geld, unsere Steuergeldzahlungen. Alles in allem ein sehr herausforderndes Umfeld.

Was würden Sie jemandem raten, der sich mit dem Thema beschäftigen möchte? Was wäre eine sinnvolle Vorgehensweise und was sollte man unterlassen?

Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Ich beobachte derzeit ein unglaubliches Interesse an Defence in der Additiven Fertigung. Es ist ja auch nicht das erste Mal, dass Defence, und ich möchte hier die Begrifflichkeit passenderweise erweitern, Defence and Space, als Technologietreiber dienen. Die Vorteile dieser Technologie für Streitkräfte liegen auf der Hand. Somit ist dieses große Interesse nachvollziehbar. Ich empfehle eine erste Annäherung ans Thema durch den Besuch entsprechender Fachveranstaltungen, wie zum Beispiel das European Military AM Symposium, welches alle zwei Jahre in Bonn stattfindet. Alternativ bietet die Europäische Verteidigungsagentur (EDA) auch ein besonderes Format an: den fünftägigen Workshop „AM Village“. Auch dieser findet alle zwei Jahre statt. In diesen Formaten ist wirklich „Defence“ drin – im Vergleich zu anderen, wo nur wenig Uniformträger teilnehmen. Auch die Unterscheidung zwischen Innovation und Fähigkeitsentwicklung ist in der Wahl der Kontakte wichtig. Ferner beobachte ich, dass viele Unternehmen die besondere „Sprache“ der Streitkräfte nicht sprechen, was häufig genug zu Missverständnissen führt und falsche Erwartungshaltungen weckt. Frustration und Aufgeben sind häufige Resultate, die für beide Seiten nicht zuträglich oder hilfreich sind. Die Sprache des Gegenübers zu sprechen und die spezifischen Rahmenbedingungen und das Umfeld zu verstehen, um damit die entsprechende Strategie zu entwickeln, ist enorm wichtig. Wir haben lange Zeit in Europa von der sogenannten Friedensdividende gelebt. Dazu gehört auch die Abschaffung der Wehrpflicht und die Reduzierung der Streitkräfte in Europa. Arbeitskräfte in seinem Unternehmen zu haben, welche einen militärischen Hintergrund haben und dazu noch die besondere „Militärsprache“ und Prozesse kennen und beherrschen, ist selten genug. Ich bin überzeugt, dass gerade dieses Verständnis ausschlaggebend ist, um den Kunden „Streitkräfte“ zu gewinnen und so erfolgreich im Marktumfeld Defence agieren zu können.

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